Sehr geehrte Mitglieder, liebe Freunde und Partner des Instituts für Produktionserhaltung,

In Diskussionen höre ich immer wieder denselben Punkt: Unternehmen verließen Deutschland wegen hoher Energiekosten, Produktion wandere ins Ausland – „leider alternativlos“. Aus rund vierzig Jahren Berufserfahrung als Manager, unter anderem bei Siemens und Gigaset, kann ich nur sagen: Wer heute die Verlagerung von Produktion ins Ausland mit ernster Miene als „Sachzwang“ verkauft, sollte wenigstens so ehrlich sein, zu sagen, was er wirklich meint: Er möchte kurzfristig Ruhe in der Kostenrechnung, auch wenn er dafür langfristig Unruhe ins Geschäftsmodell einkauft. Denn was in der Wirtschaftspresse oft als rationale Standortlogik erscheint, besteht bei näherem Hinsehen erstaunlich häufig aus einem Set austauschbarer Standardformeln. Diese Formeln sagen in der Summe weniger über Deutschland als über die Art, wie Entscheidungen begründet werden, wenn sie unangenehm werden.

Die erste Formel heißt Energie. Hohe Energiepreise sind real, und sie treffen bestimmte Industrien härter als andere. Doch das Argument verkürzt eine zyklische Größe – den Preis – zu einer Begründung für eine irreversible Entscheidung. Preise ändern sich. Fabriken kehren selten zurück. Wer wegen eines Preisniveaus geht, wettet stillschweigend darauf, dass es dauerhaft so bleibt. Bemerkenswert ist das für Unternehmen, die sonst jede Prognose misstrauisch zerlegen. Riskant ist es außerdem, weil man nicht nur Kapazität verlagert, sondern Kompetenz: Zulieferernetze, Qualitätsroutinen, Wartungswissen, Lernschleifen. Was einmal auseinandergezogen wurde, baut man nicht „später wieder auf“. Man beginnt neu – und „neu“ ist in der Industrie selten billig.

Die zweite Formel heißt Bürokratie. Sie ist das Universalargument, weil sie fast immer stimmt und deshalb kaum noch präzise sein muss. Ja, Genehmigungen dauern zu lange, Berichtspflichten kosten Zeit, Auflagen sind komplex. Gerade weil der Befund richtig ist, taugt er jedoch schlecht als Generalentschuldigung. Nicht selten ist „Bürokratie“ auch das Wort, hinter dem sich interne Unklarheit verbirgt: Wer entscheidet? Wer priorisiert? Wer haftet? Wenn eine Organisation ihre Zuständigkeiten nicht sortiert, erlebt sie jedes externe Verfahren als Zumutung. Das Problem liegt dann nicht nur in Berlin, sondern im eigenen Organigramm.

Die dritte Formel heißt Steuern und Arbeit. Deutschland sei „zu teuer“, heißt es, und daran ist etwas. Doch wer Kostenvergleich sagt, meint häufig Stückkosten – und blendet Systemkosten aus: Koordinationsaufwand über Zeitzonen, Qualitätsrisiken, Anlaufverluste, Reklamationswellen, Schutz von Know-how, politische Risiken, Lieferkettenstörungen. Das lässt sich alles in Excel pressen. Es wird nur oft nicht getan, solange die Verlagerung als Befreiungserzählung dienen soll. Später taucht es nicht als Schlagzeile auf, sondern als schleichende Marge in der Bilanz.

Die vierte Formel heißt Nachfrage. Europa schwächele, Wachstum entstehe anderswo, man müsse „näher an den Kunden“. Das ist das eleganteste Argument, weil es strategisch klingt. Es ist zugleich das gefährlichste, wenn zyklische Schwäche mit strukturellem Niedergang verwechselt wird. Wer im Tal Kapazität ausdünnt, stellt im Aufschwung fest, dass er nicht nur Maschinen verloren hat, sondern Reaktionsfähigkeit. Märkte drehen. Wer dann nicht hochfahren kann, zahlt doppelt: erst durch Abwanderung, dann durch verpasste Nachfrage.

Die fünfte Formel heißt Rückenwind. Im Ausland gebe es Förderung, Planungssicherheit, weniger Risiko. Auch das ist nicht aus der Luft gegriffen. Subventionskulissen und Energieangebote können attraktiv sein. Nur ist „Rückenwind“ oft ein anderes Wort für Regime-Arbitrage: Heute zahlt der Staat, morgen ändert er Regeln, übermorgen kommt der Zoll. Am Ende hat man industrielle Substanz verlagert – und politische Unsicherheit gleich mit importiert. Man hat Risiko nicht reduziert, sondern nur in eine Form gebracht, die im ersten Jahr besser aussieht.

Ich widerspreche dieser Logik nicht aus Standortromantik. Ich widerspreche ihr, weil sie betriebswirtschaftlich kurzsichtig ist. Wer Produktion verlagert, um Energie zu sparen, behandelt Industrie wie eine variable Kostenposition. In Wahrheit ist sie ein Vermögenswert – zusammengesetzt aus Menschen, Prozessen, Erfahrung und Zulieferdichte. Man kann diesen Vermögenswert beschädigen, ohne es sofort zu merken. Sichtbar wird der Schaden erst, wenn man ihn wieder braucht: wenn Qualität unter Druck gerät, wenn Lieferketten reißen, wenn neue Technologien eingeführt werden sollen und das Lernsystem fehlt, das sie in Wirkung übersetzt.

Gerade im KI- und Automatisierungszeitalter wird die alte Idee, man könne Fertigung einfach „woanders billiger“ betreiben, besonders unerquicklich. Die nächste Wettbewerbsrunde entscheidet sich nicht nur am Lohnzettel, sondern an der Fähigkeit, Produktion schnell zu verändern: datengetrieben, energieeffizient, resilient – mit kurzen Lernschleifen zwischen Entwicklung und Werk. Wer seine industrielle Basis ausdünnt, schwächt genau diese Fähigkeit. Er spart vielleicht beim Strom – und zahlt später bei Geschwindigkeit, Qualität und Innovation.

Natürlich braucht Deutschland eine bessere Energie- und Industriepolitik: mehr Netze, mehr Genehmigungstempo, mehr Investitionssicherheit, weniger Selbstverkomplizierung. Aber die Antwort auf ein politisches Problem kann nicht darin bestehen, das eigene industrielle Fundament zu demontieren und es anschließend als „Sachzwang“ zu etikettieren. Unternehmen sind nicht nur Betroffene, sie sind Akteure – und sie tragen Verantwortung für die Zeithorizonte ihrer Entscheidungen. Wer heute geht, weil Strom teuer ist, kann morgen feststellen, dass Strom billiger geworden ist. Zurück kommt er dann nicht. Und er wird sich erklären müssen, warum er die falsche Größe optimiert hat: den Preis von heute statt die Wertschöpfungsfähigkeit von morgen.

Herzlichst

Klaus Wessing
Institut für Produktionserhaltung (infpro)